Momentaufnahme und Erinnerungen an eine Begegnung mit

Alex Jacoby,

dem hervorragenden, luxemburger Denker und Schriftsteller

Foto Wikipedia
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Er hat uns alle verlassen und wir werden seine poetische Kolumnen vermissen.

 

 Ich war 28, als ich Alex durch Zufall kennen gelernt. Es war im Jahr 1960, als eine Bekannte von mir erwähnte, dass in unserer Nachbarschaft, ein italienischer Poet lebe. Eine Bekanntschaft war schnell hergestellt. Walter Nesti war gleich nicht wenig von meinen Gedichten beeindruckt, was ihn verleitete meine nachfolgende, hoch aktuelle Eluku-bration, die für ihn in leicht verständlicher Sprache verfasst war, in seine Muttersprache zu übertragen und in Italien zu veröffentlichen.

C'est l'heure

 

 Vous, les vilains de cette terre,

Faites soigner les ulcères

De vos âmes qui crachent la misère,

C'est l'heure.

 

Regardez ces mains qui clament vers le ciel,

Ces cœurs qui se noient dans le fiel,

Dans la vase de votre fosse de Daniel.

C'est l'heure.

 

Où notre vengeance vous fera trembler

Sur les flots du sanglot, où sans pitié

La barque de votre règne sera submergée.

C'est l'heure.

 

Où la tumeur de votre gloriole

S'écrasera dans la fiole

De votre majesté frivole.

C'est l'heure.

 

Vous, les vilains de cette terre,

Entendez la prière de vos frères

Qui vous haïssent de la haine d'un enfer.

C'est l'heure.

 

Résignez-vous, et au fond de nos cœurs

L'angoisse et le pardon vous assurent une faveur;

Sinon, les clameurs s'obstinent dans la révolte, car

C'est l'heure.

E’ l’ora

di Henry Regenwetter – Traduzione dal francese di Walter Nesti

 

Potenti bastardi della terra

 è l’ora di curare le piaghe

delle vostre anime

che sputano miseria

 

è l’ora di contemplare le mani

che si levano al cielo

i cuori che annegano nel fiele

nel fango della fossa di Daniele

 

è l’ora in cui

nel singulto dei flutti

tremerete per nostra vendetta

che impietosamente affonderà la barca

del vostro regno

 

 è l’ora in cui

il tumore della vostra gloriola

vi scoppierà nella testa

della vostra vana arroganza

 

è l’ora potenti bastardi della terra

d’ascoltare le preghiere dei fratelli

che v’odiano d’odio infernale

 

è l’ora della vostra rassegnazione

e allora nel fondo dei nostri cuori

angoscia e perdono

garantiranno un trattamento di favore

poiché altrimenti il tumulto

sfocerà in rivolta.

 

Es war auch dieser Walter Nesti, zu dem sich sogleich eine dauernde, herzliche Freundschaft aufbaute, die uns bis ins hohe Alter eher kameradschaftlich verband. Er war es, der mich auf die laufende Publikation von Madame Suzel Etienne aufmerksam machte. „Jeune Poésie Européenne“ ist im Januar 1960 zum ersten Mal erschienen und nachdem Walter mich in dieser kreativen Gesellschaft eingeführt hatte, lernte ich einige der Luxemburger Schriftsteller und Poeten persönlich kennen.

 

Madame Suzel Etienne, Walter Nesti, Roger Manderscheid, René Molling, Rolf Ketter und auch Alex Jacoby, neben einigen Anderen, deren Namen sich nicht so eingeprägt haben, waren mit von der Partie, um an der Realisation dieser Zeitschrift mit zu wirken.

 

Ich muss gestehen, dass ich darüber hoch erfreut war, weil nach dem Wegfall von Pierre Gregoire, dem großen Denker in der Tageszeitung  Luxemburger Wort, meine schriftlichen Eingaben nun öfters in der Redaktion beiseite gelegt, ja nicht veröffentlicht wurden. Damals begann ich bereits an meinen schriftstellerischen Fähigkeiten zu zweifeln, aber auch hegte ich vielleicht nicht unberechtigtes Misstrauen.

 

Ich setzte sogleich meine volle Kraft in die Werbung, für diese vermeintlich vielversprechende, literarische Initiative. Aber, mir waren bereits zu Beginn meines Mitwirkens manche Unstimmigkeiten aufgefallen, so dass dieses Experiment mir vorkam, unter keinem guten Stern zu stehen. Ich ahnte Schlimmes, was noch verstärkt wurde, als ich erfuhr, dass Madame Suzel Etienne, diese Zeitschrift, ohne jegliche Unterstützung unseres Kulturministeriums, aus eigener Tasche finanzierte. Das Projekt war dadurch, bereits seit seiner Inangriffnahme, einem vorzeitigen Scheitern geweiht.

 

In der Hütte HADIR rekrutierte ich bei Vorgesetzten und Ingenieuren etwa 3 Dutzend Abonnenten und ich fand in Esch an der Alzette, ebenfalls eine Buchhandlung, welche diese Zeitschrift in unserer Gegend vertreiben sollte. Die gleichzeitig einsetzenden Bemühungen der Mitarbeiter konnten unmöglich die aufgelegte Last stemmen, bevor die Zahl der Abonnenten jene Höhe erreicht hatte, die notwendig gewesen wäre um ohne finanzielle Unterstützung aus zu kommen.

Unsere Zusammenarbeit betreffend die Gestaltung dieser Zeitschrift verlief problemlos, doch schmerzte mich besonders, dass mir sofort ein Hauch von Rivalitätsdenken vorkam. René Molling und Alex Jacoby, sowie Walter Nesti, offenbarten sich neben Frau Etienne, als recht sympathische, unvoreingenommene Freunde. 

 

Im Dezember 1960 bereits, mit der Nr. 12,  war das Schicksal dieses Experimentes besiegelt. Die Zeitschrift wurde eingestellt.

 

Durch diese neue Bekanntschaften hatte ich jedoch noch 1961 die angenehme Freude, anlässlich der VIII Quinzaine du Livre, mit meinen neuen Luxemburger Freunden, ebenfalls zu den Dichtertagen, auf dem Schloss am Pont d’ Oie, bei Habbaye la Neuve, eingeladen zu werden. Für das gleichzeitig stattfindende Dichtertreffen war Baron Pierre Nothomb zuständig. Er ist mir bekannt als Schriftsteller, war aber ebenfalls in der Politik aktiv und zwar als Mitglied des Belgischen Senats.

 

Wie aus dem nachfolgenden Programmplakat ersichtlich, gab es neben den schriftstellerischen Auftritten auch interessante Nebensächlichkeiten. Da wurde zum Beispiel um 13.00 Uhr unter blauem Herbsthimmel und am Ufer des Sees „Lac de la Forge“, ein rustikales Mittagsessen serviert, hergerichtet von der ansässigen Jägerschaft. Ich kann mich noch sehr wohl erinnern, dass dieser genussvolle Eintopf, mit herrlich duftenden und auch gleichermaßen schmeckenden Ardennerwürsten und Schweinebacken, sich nach ihrem ersten Auftritt auf meinem Teller, eine mehrmalige Zugabe erlaubten.

 

Diese Quinzaine du Livre hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben, weil mir in diesem Lebensabschnitt soviel Neues, Ungewohntes begegnete. War es nun Zufall oder Schicksal, dass man mich auf Walter Nesti aufmerksam machte. War es Zufall oder Schicksal, dass er bereits Mitarbeiter war, bei der Publikation „Jeune Poésie Européenne“, und mich dort einführte. War es Zufall oder Schicksal, dass ich dort persönlichen Kontakt bekam, mit den mir bisher nur namentlich bekannten luxemburgischen und auch ausländischen Schriftstellern und Poeten. War es Zufall oder Schicksal, dass es mir gegönnt war mit eingeladen zu sein, zu dieser Quinzaine du Livre. Dieselben Fragen stellen sich auch, wieso ich in so kurzer Zeit so viele neue Entdeckungen machte und problemlos, ja gratis, im Schloss von Baron Nothomb übernachten durfte. Dieser sehr kurz geratenen Nacht im Schloss, war ein recht interessanter Diskussionsabend vorausgegangen. Ein knisterndes, aber auch inspirierendes Kaminfeuer nebst den kredenzten Getränken, belebte den Gedankenaustausch der Poeten und Schriftsteller, in der Runde. Auch eine Rezeption auf der Terrasse und im angrenzenden Park, mit Baron Pierre Nothomb, kam mir vor wie ein Erlebnis aus Tausend und Einer Nacht.

 

War es  auch Zufall, dass man zur gleichen Veranstaltung ein Monument von meinem Lieblings Schriftsteller Goethe einweihte, um seiner zu gedenken, da er einmal in Arlon verweilt hatte. Die Inauguration eines Straßen Abschnittes Ardenne-Eifel füllte zusätzlich die kulturelle Auslegung des Programmes. Daneben fand eine Waldsegnung statt, bei der ich zum ersten Mal die Sonneurs de chasse aus St. Hubert, trompettieren hörte, mit ihren Instrumenten „trompes de chasse“ und „cors de chasse“. Diese Instrumente wurden aus dem Mittelalter heraus über Louis den XIV und Louis XV weiter entwickelt.

 

Dann im Festsaal des „Conseil Provincial“ den Genuss zu haben Poésie des Quatre Ardennes zu erleben. Am besten in Erinnerung aber blieb mir die Rezeption im Palais Provincial, vom Gouverneur der Provinz und Frau Lamalle arrangiert. Dort gab es außer Dichterlesungen, aber auch einen Eklat. (Siehe weiter unten).

Foto Wort.lu
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Als wir zu dieser Rezeption eintrafen, war der Festsaal bereits, im wahrsten Sinne des Wortes, randvoll gestopft. Die meisten, dieser Heerschar von Prominenten, standen rundherum, sichtlich ungemütlich, so mit dem Rücken zur Wand. Vor ihnen befand sich eine Reihe Sitzgelegenheiten für die VIP, lies geladene Gäste. Die große Saalmitte war der Leere überlassen. Einer dieser Stühle wurde auch mir zugewiesen. Ich bewegte mich, wie bei meinen ersten Theaterrollen auf der Bühne, die erwähnte Leere durchquerend, eher etwas ungewöhnlich geduckt, an den mir zugewiesenen Sitzplatz, um dem fokussierten, empfindlich brennenden Blickstrahl, der mich umgebenden Masse, zu entziehen.

 

Es herrschte auf einmal Mäuschen Stille im Saal. Nur noch einige räusperten sich schnell, bevor mir genau gegenüber, ein multi-bunti, mit farbiger Schärpe und glitzernden Medaillen, dekorierter Herr, die Stille zu brechen ansetzte.

 

Bei meiner Annäherung war es mir nicht entgangen, dass dieser Stuhl, der mich aufnehmen sollte, ohne Zweifel zu vermutlich den feudalsten Antiquitäten dieses Festsaales gehörte. Er sah sich an, wie ein auf Anhieb nicht bezifferbaren, französischer Louis und roch auch so archäisch, getränkt in muffiger Geschichte. Doch ein echter «fauteuil baroque, style Louis XV, tapissé en velours doré sur une structure en hêtre massif doré ».

 

Zuerst meinte ich, denn so sah es sich an, der Mann der sich meines Stuhls bediente, um sich breitschultrig, auf die hohe Rückenlehne zu stützen, hätte den Auftrag gehabt, diesen zu behüten. Doch es wäre unmöglich gewesen solch ein vorsintflutliches, mit Gold und undefinierten Ornamenten verziertes Objekt zu stehlen. Es kann aber auch möglich gewesen sein, dass er die Rolle hatte mir diesen Sitzplatz unter zu schieben.

 

Was sich auch bewahrheitete.

So etwa sah es aus, das Corpus delicti

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Als ich mich etwas geziert hingesessen hatte, herrschte wirklich ungewohnte, nahezu beängstigende Stille im Saal. Ein Redner durchbrach diese nahezu explodierend aufgeblasene Stille, mit feierlich gesalbter Stimme. Er sprach von lokalen Dingen, von denen ich nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung hatte. Ich legte gemächlich meine beiden Arme über die mit Seidenstoff gepolsterten Lehnen und in diesem Komfort, kühlte ich mich erstaunlicherweise schnell wieder ab, denn es ward mir sofort bewusst, dass nicht mehr alle Augen, auf mich fixiert waren.

 

Noblesse oblige. Ich zeigte Geduld und verhielt mich ohne Mucks. Die Armlehnen unterstützten mich dabei und so konnte ich eigentlich stolz auf mich selber sein, bei so einem feierlichen Anlass, fast wie „Der Denker“ von Rodin zu erstarren. Nahezu nackt habe ich mich zwar gefühlt, aber dessen nachdenkliche Gebärde, musste ich mir ersparen.

 

Doch dann schlug entweder der Zufall oder das Schicksal wiederum unbarmherzig zu. Ich spürte urplötzlich wie ich krachend zu Boden sank, wie es unter mir weiter ächzte und knackte, weil edles Holz zerbrach, auf dem ich all sogleich zu hocken kam. Ich fühlte mich wie auf einem Scheiterhaufen. Mein ganzer Körper stand plötzlich in Flammen.

 

Das wirkte auf mich wie geballte Blitze, vermischt mit gleichzeitigem Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich, genau wie die Scampis in heißer Bratpfanne, ebenfalls Rotfärbung angenommen. Das brutal ansetzende knallige Lachen der Meute, angetrieben durch die, dem Menschen innewohnende, Schadenfreude, gab mir nahezu den Gnadenstoß. Doch zu meiner seelischen Entlastung, erstickten Anstand und auch nobler Respekt, diesen Anfall von Unhöflichkeit, im Keime. Blitzartig ging mir die Beobachtung des menschlichen Verhaltens durch den Kopf. So brutal die Schadenfreude ausgebrochen war, so überwältigend freundlich kam mir das Wiederverstummen vor, was mir bewies, dass der Mensch manchmal spontan, dem inneren Schweinehund gehorchend, zügellose Pferde reitet, um bei Erkennung der eingegangenen Dummheit, schnellstens vom Sattel zu springen.

 

Ich raffte mich auf, wahrscheinlich nicht ohne Fremdhilfe, wobei mein Hintermann, sich bemühte mich von Holzsplittern zu befreien. Drei Saaldiener waren sofort zur Stelle, vermutlich aus Erfahrung und bereits öfters eintrainiert, um die jetzt wahrscheinlich kaminreif gewordenen Überreste des Louis XV Sitzplatzes, abzuräumen und, wie es sich passte, ebenso schnell mit einem gewöhnlichen Bürostuhl auftauchten, auf dem ich mich dann, von allen Gästen ersichtlich, mit nahezu theatralischer Zuversicht nieder lies.

 

Doch dann bewegte mich, diesmal mit Genugtuung, ein von feinen Leuten ausgelöster Ansatz eines knappen, aufmunternden Beifalls.

 

Es wurde dann erneut still im Saal, während mein inneres Feuer bereits auf die hölzerne, absolut sichere Sitzfläche, zur normalen Körperwärme überwechselte. Ich verhielt mich, als ob überhaupt nichts geschehen sei.

 

Der Redner war jedenfalls, sowie ich ebenfalls, aus dem Konzept geraten. Er entschuldigte sich für den unprogrammierten Umfall. Aber dann erlitt er einen Redefluss, der sich dahinzog, wie eine Karawane von Kamelen, durch eine endlose Wüste. Von all dem, was auch noch etwas pathetisch vorgetragen wurde, bekam ich aber nicht den Deut einer Ahnung mit. Ich war eingefangen vom Sinnieren über Barockstühle, die in Festsälen, einer zu hohen Lufttrockenheit ausgesetzt sind, wobei sich die Leimstellen lösen und lockern, sodass, wie gehabt, ein Crash vorprogrammiert ist. Es hat auch genügt, dass jemand gleichzeitig, vereint mit meinem Schwergewicht, sich der Rückenlehne des antiken Stuhles, als Stütze bediente, um unausbleiblich, auch vergoldete barocke Louis XV Prunkstühle, im antiken Rokokostil, mit goldenem Seide Bezug, dazu zu bringen, unbarmherzig ihre untertänigen Dienste zu verweigern.

 

Welche erstaunlichen Erinnerungen, an eine Begegnung, mit gemeinsamen Interessen und Erlebnissen, bei dem Tod eines angesehenen, gleichgesinnten Bekannten auftauchen, ist mir schon erwähnenswert. 

 

Nachdem die Uhr des Lebenswerkes von Frau Suzel Etienne einen so abrupten Stillstand gefunden hatte, waren mir die persönlichen Begegnungen mit Alex Jacoby ebenfalls nicht mehr möglich, da er sich seiner Schule widmete, um aus dem stillen Kämmerlein heraus, sich mit seinem außerordentlichen, schriftstellerischen Können, an die Öffentlichkeit zu wenden.

 

Es war nur ein kurzer, persönlicher Kontakt mit ihm, erfolgt in einer viel zu kurzen Zeitspanne. Das kurze Intermezzo brachte mich jedoch dazu meine Lebensziele zu verändern, denn ich hatte mich auf brotloses Terrain gewagt. Brotlos, wäre aber kein ernstes Problem gewesen, denn ich hatte ja einen Beruf. Wäre ich nur nicht dem Eindruck verfallen dass Gedichte und Prosa keinesfalls jedermanns Sache seien und so gesehen, eigentlich nicht unbedingt nützlich oder notwendig für die Gesellschaft.  

 

Der Crash dieser sicherlich ja sinnvollen Initiative von  Frau Suzel Etiennen, eine Zeitschrift für zeitgenössische Poeten zu editieren, zeigte mir knallhart wie wenig Poesie erwünscht ist, in einer Gesellschaft denen nicht einmal mehr das Wort Kultur im wahrsten Sinne des Wortes etwas bedeutet. Kultur schwindet, sobald andere menschliche Schwächen, überwiegend zu Werke gehen, wie Sex, Raffsucht, Mobbing, Unterdrückung, Diktat, Terror bis zur Elimination jeglicher Rivalen, mit brachialer Gewalt.

 

Die Erde ist zur riesigen Kampfarena geworden, wobei das Verbieten von Stierkämpfen, schäbiges Säbelrasseln ist, von unbegreiflichen Idealisten. Das Waffengeschäft muss boomen. Poeten, Tier- und Naturschützer, sogar Menschenrechtler haben in der augenblicklichen Konstellation, der menschlichen Gesellschaft,  nur noch einen recht schwachen Einfluss, auf den selbstzerfleischenden Wahnsinn, einer kopf- und herzlosen Masse.

 

In dieser Gesellschaft ist nur noch Egoismus daheim und das beweisen mir die Resultate jener perversen Aufwiegler, die weltumfassend den stets latenten Egoismus und auch die globale Ignoranz der Masse anfeuern. Sie benutzen deren geistige Schwächen um eigene, persönliche, gewinnbringende Ziele zu verfolgen.

 

So kommt es dass genau jene Gesellschaftsschicht, die sich als elitär gibt, stark durchwachsen ist von Korruption und abscheulichster Niedertracht. Nicht nur die Astronomie kennt eine dunkle Kraft, auch unsere Gesellschaft wird ferngesteuert, besonders von nicht öffentlich auftretenden, geheim agierenden Gesellschaftsgruppen, die einen irdischen Frieden zu verhindern suchen, sogar unmöglich machen.

 

Dem persönlichen Eindruck, betreffend Schriftstellerei und Poesie, wurde ich nicht wieder los. Ich dachte im Volontariat einen nützlicheren und vorbildlicheren Einsatz zu erzielen, wobei die Nützlichkeit der niedergeschriebenen Sprache, weit übertroffen werden kann.

 

Da ich um die Borniertheit mancher Politiker weiss, die nur fähig sind über die egoistische Reizbarkeit ihrer Anhänger, an führende Stellen der Hierarchie auf zu steigen, möchte ich eine kurze, aber eher besinnliche Anekdote hier einbringen.

 

Ein solcher Politiker, genauer gesagt, ein solches Großmaul stimulierte seine Anhänger, doch gab er sich nicht zufrieden. Es kam ihm zu Ohren, dass sogar manche Anbeter, unter sich über sein breites Maul diskutierten, das er beim Sprechen offenbarte. Das juckte ihn gewaltig. Zuerst wusste er keinen Ausweg, doch ein guter Parteifreund riet ihm, sein Problem bei einem Fotografen vorzutragen.

 

Kurz entschlossen, suchte er einen Fotografen auf. Diesem verriet er ohne Umschweife, sein Problem. „Wenn ich meine Reden in den Wirtshäusern vortrage, wird zwar recht gut applaudiert, aber ich höre immer wieder, was die Leute tuscheln. Ich hätte ein großes, oder breites, ja sogar ein freches Maul und das stimmt mich unzufrieden. Man hat mir gesagt ich sollte mich an dich wenden, du könntest das Problem beheben.“

 

Wie Politiker es allgemein tun, redete er den ihm unbekannten Fotografen, mit du an!

 

Der Fotograf betrachtete ihn kurz und meinte dann. „Ich kenne einen Ausweg, wie wir das Gerede stoppen können. Kennen Sie das französische Wort „confiture“?  „Was hast du gesagt? Das musst du mir noch einmal wiederholen!“ Der Fotograf war, wie es scheint, ein guter Lehrmeister. Daher erklärte er seinem Bittsteller: „Confiture“ ist ein französisches Wort. Es bedeutet soviel wie Marmelade. Wie ich merke, gebrauchen Sie solche Wörter nie. Sie kennen nur  „Gebäss“, das ist luxemburgisch und bei der Aussprache muss man das  Maul so breit machen, wie Sie es sich angewöhnt haben.“

 

Die Antwort war etwas enttäuschend: „Du hast Recht, aber was kann ich machen, ich bin eben so wie ich bin.“ „Auf keinen Fall sollen sie verzweifeln“, meinte der Fotograf, “Sie werden sehen welch schöne Bilder, ich für ihre nächste Wahlkampagne machen werde. Noch einmal, wenn Sie „Gebäss“ sagen, dann sind Sie ein Großmaul, wenn Sie aber bei meiner Fotografie „confiture“ sagen und dabei noch den Mund etwas zuspitzen, dann wird niemand mehr etwas von Ihrem Großmaul, auf meinen Fotos zu sehen bekommen. Stellen Sie sich jetzt dort neben die Büste von Albert Einstein und wenn ich sage jetzt!! dann antworten Sie mir, mit ganz spitzem Mund „confiture“.

 

Die Zeremonie begann und endete schnell. Kaum hatte der Fotograf das Wort „jetzt“ erwähnt, da öffnete der Politiker sein breites Maul und plärrte erfolgsüberzeugt „Gebäss“. Das ihm kurzfristig beigebrachte Französisch, war ihm bereits wieder abhanden gekommen.  

 

Ich bin in meinem Leben einer erschreckenden Menge solcher Banausen begegnet. Besonders sind mir Kulturbanausen aufgefallen.

 

Wer von uns Beiden, Alex Jacoby, oder ich, hatte den richtigen Weg eingeschlagen? Alex der sein Leben lang, hoch interessante Gedichte, Erzählungen und sonstige Werke veröffentlicht hat und hauptberuflich Lehrer wurde, nachdem er seine Arbeit bei der Hüttengesellschaft aufgegeben hatte, oder ich, der gleichfalls zum Brotverdienen bei der Hüttengesellschaft angefangen hatte und ganz nebenbei den schriftstellerischen Weg, nicht mehr als Hauptrichtung verfolgte, weil mir das Resultat zu unbefriedigend war, sogar ohne jede Auswirkung blieb, auf die Mentalität meiner Umwelt, die mir  immerfort noch zu viel „Gebäss“ von sich gab.

Ich habe meinen nicht immer selbstlosen Lebensweg, über den Naturschutz gesucht und gefunden. Dabei mussten Schriftstellerei und Poesie als wenig be- und geachtete Selbstgefälligkeit, bis zur Pensionierung, auf Sparflamme betrieben werden.

 

Wir Beide, Alex und ich hinterlassen, jeder seine persönlichen, so glaube ich, beachtenswerte Lebenswerke. Der Tag wird kommen, an dem ich seinen zuletzt gelegten Spuren folgen werde.

 

Wir Beide hinterlassen Fußstapfen, die sicherlich keinen üblen Eindruck erwecken. Doch der unberechenbare Erdenwind, wird diese ohne Zweifel, bald wieder zugeweht haben.

 

Henri Regenwetter

 

N.B: Sämtliche Nummern der Publikation „Jeune Poésie Européenne“ findet man in meiner Homepage.